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Eine Wädenswilerin in Indien: Caro Eith erzählt


Eine Dai und Caro Eith, die Hebamme

Bis am 15. August 2015 befand sich Caroline Eith, eine Wädenswiler Hebamme, in einem spannenden und lehrreichen viermonatigen Auslandeinsatz im nordindischen Bundesstaat Uttarakhand für Aarohi, eine kleine Nichtregierungsorganisation (internat. Kürzel = NGO). Noch während ihres Einsatzes stand sie uns Rede und Antwort. Freundlicherweise hat sie uns auch ein paar stimmungsvolle Bilder von ihrem Einsatz zur Verfügung gestellt, die am Schluss des Interviews zu sehen sind.

Wo wohnst du jetzt und wie gefällt es dir da?
Ich wohne unter der Woche an meinem Arbeitsort in Okhalkanda bei einer indischen Familie, welche mich bekocht. Am Wochenende bin ich am Hauptort meiner NGO Aarohi, in Satoli. Beide Ortschaften sind auf Google Maps nicht zu finden, da sie sehr klein sind. Wie eingangs erwähnt, heisst der Bundesstaat Uttarakhand und man findet z.B. Almora auf der Karte, was eine Stunde von Satoli entfernt ist.

Nachgehakt: Was gefällt dir am meisten in/an Indien? Was macht dir zu schaffen?
Mir gefällt die Landschaft hier sehr! Es ist enorm hügelig, ich muss jeweils 2 Kilometer wandern, um zur Arbeit zu kommen oder etwas Essen einzukaufen. An klaren Tagen sehe ich den schneebedeckten Himalaja. Die Menschen sind freundlich und v.a. sehr neugierig. Viele sind sich westliche Menschen nicht gewohnt und so werde ich häufig angestarrt als grosse, rothaarige Frau (lacht). Leute auf der Strasse versuchen jeweils mit mir ins Gespräch zu kommen, aber meine Hindikenntnisse sind leider sehr gering. Mit Händen, Füssen und Lächeln jedoch verstehen wir uns irgendwie immer. Schwierig für mich ist zu sehen, wie die Menschen mit ihrer Umwelt umgehen. Überall sieht man Abfall herumliegen, Abfalleimer in der Öffentlichkeit sieht man nirgends. Ich versuche so wenig Abfall wie irgendwie möglich zu produzieren, da ich alles verbrennen muss. Es fällt mir auch auf, dass anderen Sachen nicht Sorge getragen wird. Mein Arbeitsort, ein öffentliches Gesundheitszentrum, ist sehr heruntergekommen, obwohl es erst ca. 6 Jahre alt ist. Den Angestellten ist es egal, wie es aussieht, bzw. arbeiten nicht sorgfältig mit ihren eigenen Materialien.

Was können die Wädenswiler von Indien lernen?
Hmmm ... ich finde es sehr schön, wie alle einander auf der Strasse grüssen. Das hat bei uns etwas abgenommen. Ebenfalls finde ich es bewundernswert, wie lange die Inder zu ihrem Arbeitsort, bzw. zur Schule wandern. Teilweise sind sie für einen Weg über eine Stunde unterwegs. Wie schnell nehmen wir doch das Auto, um in die Migros einkaufen zu gehen.

Wie bist du zu Aarohi gestossen und was macht diese NGO genau?
Ich wurde letzten Herbst von einem leitenden Chirurgen im See-Spital angefragt, ob ich eine Hebamme kenne, die Interesse an einem viermonatigen Einsatz hätte. (Ich war bis Ende März am See-Spital als leitende Hebamme tätig.) Anstatt eine Hebamme in meinem Team zu fragen, bin ich mit dieser Idee für mich selber "schwanger" gegangen und kam zum Entschluss, dass es für mich Zeit für eine Veränderung sei. Also habe ich mich als diese Hebamme gemeldet und meine Stelle gekündigt. Aarohi ist in den abgelegenen Regionen von Uttarakhand ansässig. Die NGO hat fünf grosse Themen, in denen sie tätig ist. Diese bestehen aus Bildung, Gesundheit, Lebensunterhalt, Wald und Energie sowie einem Jugendprogramm.

Wie sieht dein jetziger Alltag aus?
Ich bin jeweils 4–5 Tage pro Woche in einem staatlichen PHC (= Primary Health Center) tätig. Aarohi ist sehr stolz darauf, dass es eine Hebamme in einer öffentlichen Institution platzieren konnte! Um zu verstehen weshalb, muss ich ein wenig ausholen: In Nordindien kommen die Kinder meistens zuhause zur Welt. Die Frauen werden von Dais (lokale, nicht ausgebildeten Hebammen) begleitet. Die Dai wird vom Dorf bestimmt und lernt durch Zuschauen und Nachahmen. Die Kinder- und Muttersterblichkeit ist sehr gross. Bei Komplikationen wissen die Dais nicht wie eingreifen. Das nächste Gesundheitszentrum oder Spital ist jeweils mehrere Stunden entfernt. Indien möchte, dass die Frauen NICHT mehr zuhause gebären. Dies unterstützen sie z.B., indem die im Dorf für die Gesundheit zuständigen Frauen Geld bekommen, wenn sie eine Frau für ihre Geburt in eine öffentliche Institution bringen. Es herrscht also ein grosser Druck auf alle. In meinem PHC arbeiten drei Pflegefachfrauen, die wenig von Geburtshilfe verstehen. Sie begleiten die Frauen während der Geburt. Auch hier herrscht grosser Wissensmangel. Meine Aufgabe wäre eigentlich, die Dais und Pflegefachfrauen zu schulen. Leider ist ihr Interesse relativ gering und auch nur durch monetären Aufwand weckbar: Sie bekommen pro Sitzung jeweils Geld von Aarohi. Aarohi wurde falsch informiert, was die Geburtenzahlen im PHC anbelangt. Sie haben, wie ich dank der Geburtenbücher herausgefunden habe, maximal 15 Geburten pro Monat. In den letzten Monate waren es jeweils ca. 6 Kinder pro Monat. Ich hatte das Pech, noch nie an einer dabei zu sein. Ehrlich gesagt würde auch ich lieber, wie die meisten Frauen hier, mein Kind in meiner gewohnten Umgebung zu Hause zur Welt bringen! Das Geburtszimmer in "meinem" PHC ist menschenunwürdig! Sehr, sehr schmutzig und die Arbeitsmoral sehr tief. Ich bin ja nicht heikel, als ehemaliges Blauring-Mädchen bin ich mir Zeltlager etc. gewohnt, aber ich würde nie freiwillig mit nacktem Po auf das Gebärbett sitzen! So startete ich vor zwei Wochen eine grosse Putzaktion. Das Ergebnis ist für den Moment einigermassen sichtbar, aber ich bin mir nicht sicher, ob das auch nachhaltig sein wird … Ich habe Vorhänge machen lassen und werde diese nächstens anbringen können. Der Raum muss einfach heimeliger/lieblicher werden! Ein weiterer Teil meiner Tätigkeit hier ist das mobile Health Camp (mobiles Gesundheitscamp) von Aarohi. Dieses findet jeweils vom 1.-8. jeden Monats statt. Mit einem Bus fahren wir in die abgelegenen Dörfer und die Bewohner können dort mit irgendwelchen Gesundheitsproblemen mit Ärzten sprechen. Ich mache dort die Schwangerschaftskontrollen. In einigen Dörfern kommen bis zu 42 Frauen pro Tag, um sich beraten zu lassen. Diese Tätigkeit mag ich sehr! Ich habe zusammen mit einer Ärztin eine neue Dokumentation eingeführt und bin daran, die Pflegefachfrau zu schulen, damit sie, wenn ich weg bin, alleine die Kontrollen durchführen kann. Von Monat zu Monat kann ich sie selbständiger arbeiten lassen. Zu meinem Alltag am Wochenende: In dieser Zeit lebe ich in einem kleinen Häuschen. Ich beschäftige mich mit Kochen – ich mag das indische Essen sehr, aber ab und zu Pasta ist auch nicht zu verachten. Weiter wird von Hand gewaschen, Abfall verbrannt und ich treffe mich mit Nachbarn. Unterdessen kann ich sogar Brot auf einem Gasherd kochen! Wir versuchten uns sogar an einem Zopf, was nicht mal so schlecht klappte. Mein Häuschen hier ist für mich so meine Oase. Im Mai hatte ich das unerwartete Glück, bei einer Nachbarin die Geburt begleiten zu dürfen. Da sie wusste, dass eine ausgebildete Hebamme hier ist, hat sie sich für eine Hausgeburt entschieden. Ein unvergessliches Erlebnis für uns alle!!!

Etwas anderes: Wie weit weg ist Wädenswil zurzeit von dir ... oder doch es bitzeli Heiwee?
Wädi ist sehr weit weg von mir! Ich weiss schon fast nicht mehr, wie meine Wohnung aussieht. Ich bin eine Person, die sich schnell und gerne auf etwas Neues einlässt und dann mit ganzem Herzen dabei ist. Sicher, gerade jetzt, wo es bei Euch so heiss ist und ich bei mir auf dem Balkon den Monsunregen sehe und etwas kühle Füsse habe, denke ich, es wäre schon schön, mit Freunden einen Grillabend mit einem kalten Bier zu haben (lacht). Der Monsun hat uns unterdessen voll im Griff. Die Natur brauchte den Regen dringendst! Schön, wie grün jetzt alles ist! Wenn ich den Monsun mit unserem Regen in der Schweiz vergleiche, sehe ich keinen Unterschied. Es ist nur so, dass ich jetzt Wanderschuhe anstelle der Flip-Flops trage, damit mich die Blutegel nicht auffressen. Vorher hatten wir einige Waldbrände. Die Menschen hier leben damit und finden das nicht so schlimm.

Anders gefragt: Was vermisst du an Wädenswil?
Im Moment vermisse ich v. a. den See! Hier hat es keine Seen oder Flüsse, in welchen ich baden könnte. Wenn ich zurück bin, werde ich sicher als Erstes beim Rothuus in den See springen!!!

Du bist in Wädenswil geboren und aufgewachsen, könntest du auch woanders leben?
Ich wohne sehr gerne in Wädi. Es hat viele positive Sachen hier, wie z.B. das gute ÖV-Netz. Viele meiner Freunde sind auch immer noch oder wieder hier zu Hause. Grundsätzlich kann ich mir aber vorstellen, woanders zu wohnen. Es sollte einfach an einem Gewässer sein (lacht wieder).

Und nun etwas näher bei deinem Beruf: Wie bist du auf deine Berufung gekommen?
Das war, glaube ich, eher Zufall. Ich war sicher, dass ich nie einen Frauenberuf ausüben möchte. Irgendwie habe ich dann doch eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester am Kinderspital Zürich begonnen. Nach dieser Ausbildung wusste ich, dass ich selbständiger arbeiten möchte, und so bin ich auf den Beruf der Hebamme gestossen. Unterdessen kann ich mir für mich nichts Besseres vorstellen! Als doch geradezu dem Klischee entsprechend habe ich meinen Traumberuf gefunden und fühle mich dafür doch sehr privilegiert.

Wie vielen Kindern hast du bisher auf die Welt geholfen?
Knapp 800 Kinder durfte ich begrüssen und die Eltern während der Geburt begleiten.

Welches war die bisher schwierigste Situation, die gut ausging?

Ich kann das nicht auf eine spezifische Situation herunterbrechen. Schwierig für mich sind zwischenmenschliche Momente. So hat z.B. ein Vater nach der Geburt seiner fünften Tochter wortlos das Geburtszimmer verlassen.

Würdest du dir auch zutrauen Tiere, ein Kalb z.B., auf die Welt zu bringen?

Einer meiner besten Freunde ist Landwirt. Somit war ich schon einmal bei einer Kalbsgeburt dabei und konnte aktiv mithelfen. Eindrücklich, wie Mensch und Tier ähnlich arbeiten während einer Geburt!

Du wirst nach deiner Rückkehr wieder in der Region Zimmerberg, insbesondere rund um Wädenswil tätig sein. Was nimmst du von deinen in Indien gemachten Erfahrungen mit ins künftige Berufsleben als Hebamme?
Ich nehme v.a. mit, dass es wirklich wichtig ist, wertschätzend mit Menschen umzugehen. Eine Schwangerschaft, die Geburt und die Zeit danach sind ein grosser Einschnitt im Leben eines Paares, der den nötigen Respekt verdient! Das ist hier in Indien leider nicht immer so.

Noch ein paar weitere Fragen an dich: Was magst du an dir selbst? Was weniger?
Ich mag an mir, dass ich ein grosses Herz habe! Menschen sind mir extrem wichtig und ich gehe gerne auf neue Menschen zu! Ich denke, das ist eine grosse Stärke von mir. Weniger an mir mag ich, dass ich immer alles in meinem sonst schon vollgestopften Alltag unterbringen möchte. Ich habe definitiv zu wenig Zeit nur für mich.

Was oder wen magst du besonders? Wer macht dir besonders Eindruck?
Menschen, die mein Herz berühren! Dies kann eine kurze Begegnung, aber auch eine langjährige Freundschaften sein. Ich war nie jemand, der Vorbilder z.B. in Form von Postern an den Wänden hatte. Wenn ich mich aber entscheiden müsste, wäre es Marie Zürcher, eine 88-jährige Hebamme aus dem Emmental. Wir sind unterdessen Freundinnen über mehrere Generationen geworden.

Was oder wen magst du weniger?
Engstirnige Menschen finde ich schwierig. Auch Personen, die grundlos das Verhalten anderer bewerten, bereiten mir Mühe.

Welches ist dein Lebensmotto, deine Philosophie?
"Äs chunt äso, wies chunt; äso wies chunt, chunz ebä guet", wie Büne Huber von Patent Ochsner singt. Ich bin ein elender Optimist und glaube daran, dass alles schon gut kommt.

Welches ist dein bester Entscheid bisher?
Wahrscheinlich der, nicht auf mich zu hören, keinen typischen Frauenberuf zu wählen.

Welches ist dein Ziel? (Wo stehst du in 10 Jahren?)
Ich lebe sehr im Hier und Jetzt. Ich hoffe, dass ich in 10 Jahren immer noch gerne die Welt entdecke und viel am Reisen sein kann. Sicher werde ich immer noch in meinem Beruf arbeiten. In welcher Form, weiss ich aber noch nicht.

Was würdest du gerne einmal allen gesagt haben?
Wädi isch super! Mir händ so zimli aläs, was mer bruucht, und ich fröi mich jetzt scho uf d'Chilbi! [Sie kehrt gerade rechtzeitig zur nächsten zurück! Anm. d. Red.]

Zum Schluss noch ein kleines Wortspiel. Vervollständige die folgenden Satzanfänge:
- Ich bekomme schlechte Laune, wenn ... ich zu wenig Schlaf habe.
- Ich mag es, wenn ... die Leute fröhlich sind.
- Meine Lieblingsspeise ist ... nach meinem vegetarischen Indieneinsatz sicher etwas mit Fleisch (schmunzelt).
- Wenn man mir ein Getränk ausgibt, dann am besten ... im Sommer einen Hugo ... im Winter einen Kafi Sex in der Jatzhütte in Davos.
- Am Sonntagmorgen ... höre ich gerne "Maloney" um 11 Uhr auf SRF3.
- Am Montagmorgen ... musste ich bis im März um 6 Uhr aufstehen (seufzt).
- Im Winter bin ich ... jedes Wochenende in Davos auf den Skiern (grinst).

Wir danken dir, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast, und wir wünschen dir noch viele gute Erfahrungen in Indien und danach viel Erfolg in deinem weiteren Berufsleben.
Eine Webseite hat sie auch: Man findet sie in unseren Verzeichnissen.



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© Caro Eith


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Autor: Dani Rüegg
Datum: 05.07.2015 12:00 Uhr
Letzte Änderung: 21.09.2015 10:40 Uhr

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